IDEAL Magazin Ausgabe 11 Seite 23

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Inhalt

damals alle gemeint Hätten wir doch reagiert Aber jetzt gab es eine konkrete Bedrohung und ich habe mir gesagt Das passiert nicht in Sankt Pauli nicht in dieser Kirche nicht mit den Jungs Wir war der direkte tägliche Kontakt mit den Flüchtlingen Vorher waren die ja zwei Jahre in Lampedusa im Camp interniert kann man fast sagen Und dann komm ich um die Ecke mit meinem Aussehen Da haben die erstmal geguckt Ich habe den Gästen von vornherein gesagt dass ich kein Kontrolleur bin der auf sie auf passt Ich war dafür da dass sie in Ruhe schlafen können Natürlich gab es zuerst Sprachschwierigkeiten weil die Flüchtlinge kein Deutsch son dern Englisch und Französisch sprechen Natürlich ging es nicht nur um den Schutz gegenüber außen sondern auch darum den Jungs zuzuhören und dass sie ein wenig Spaß haben Denn in einer Gruppe von 80 Leuten bauen sich Spannungen auf Deshalb habe ich nach vier Wochen zum Beispiel ein Fuß ballturnier organisiert Mit einem der Flüchtlinge habe ich mich so gut angefreundet dass der mich quasi als Papa adoptiert hat Wichtig ist dass man den Jungs eine Perspektive für eine Sozialisierung zeigt Deshalb wür de ich mich freuen wenn auch andere Hamburger meinem Beispiel folgen würden und eine Art Patenschaft überneh men Haben sie von ihrer Flucht berichtet Ja und habe ich mir später fasst auf die Zunge gebissen warum ich sie eigentlich gefragt habe Ich war plötzlich gar nicht mehr sicher ob ich die Antworten ertrage Da zeigte einer zum Beispiel ein Video von einem Laster auf dem nur Menschen drauf waren Das ist der so genannten Sahara express für den bezahlt man 1200 Dollar um von Ghana nach Libyen zu kommen und bleibt darauf bis zu 14 Stunden bei 40 Grad Hitze Von den 300 Leuten auf dem Lkw kamen aber nur etwas mehr als die Hälfte an Der Rest ist runtergefallen und der Laster hat nicht gebremst und angehalten Deswegen läuft mir auch so die Galle über wenn ich eini ge Leute reden höre dass die Flüchtlinge Schmarotzer sein sollen Die hatten in Libyen alle Jobs bis sie mit vorgehalte ner Waffe auf Boote und nach Lampedusa gebracht wurden Da wollten die nie hin Dort sind ihnen zwei Jahre ihres Lebens gestohlen worden Und dann hieß es Wenn ihr raus wollt geht in den Norden da ist alles besser So sind die hier gelandet Wo es ihnen viel zu kalt ist Und wo sie auch nicht hinwollten Aber die Jungs sind motiviert intelligent und alle ausge bildet Allein mit ihrer Willenskraft sind sie vielen Deut schen um einiges voraus und leicht zu integrieren Ich habe gesehen wie sie auf dem Kirchenhof Laternen repariert haben und Gestrüpp in drei Tagen entfernt haben wozu unsere Gartenarbeiter drei Wochen brauchen Glaubst du dass die Politik helfen kann Ich habe schon lange aufgehört an die Politik zu glauben Ich erwarte dass die reiche Stadt Hamburg diesen Menschen eine Chance gibt denn sie haben es verdient integriert zu werden Glaubst du an Gott Ich habe mich mit Buddhis mus auseinander gesetzt Ich bin aber kein Buddhist weiß Gott nicht Ich glaube dass es keine Zufälle gibt Definitiv Dass es irgendwo irgendwie so sein soll wie es läuft Und ich versuche jeden Tag an mich selbst zu glauben Das fällt mir schwer genug lacht Es ist nicht einfach in dieser Welt bei sich zu bleiben und zur Ruhe zu kommen Das ist mein größtes Ziel Denn nur dann habe ich die Energie um anderen Menschen zu hel fen In der so genannten Freiwilligenszene gibt es oft Leute die selbst Unterstützung bräuchten es sich selbst aber nicht einge stehen Anstatt an den eigenen Problemen zu arbeiten bieten sie dann irgendwo ihre Hilfe an obwohl sie dafür eigentlich keine Kapazitäten haben Nur damit sie ein gutes Gefühl haben Aber wenn ich selbst nicht stabil da stehe kann ich anderen keinen Rückhalt geben Wie hat dich der Kontakt mit den Flüchtlingen verändert Ich habe mir manches Mal gedacht Gut dass ich das erleben durfte Wir kriegen von den Jungs auch was beigebracht eine ganze Portion Demut Man selbst hadert allzu oft mit dem eigenen Schicksal Wenn man aber die Lebensgeschich ten hört von Leuten die richtig was durchgemacht haben kommt man ins Grübeln Dem einen wurde auf der Flucht fast der Arm abgehackt der andere hat seine Mama seit acht Jahren nicht mehr gesehen Plötzlich schätzt man mehr was man selbst hat Ich war glücklich dass mir das Leben die Chance gegeben hat für diese Menschen da zu sein Du hast viele Jahre lang als Türsteher gearbeitet Wie ist diese Arbeit heute im Vergleich zu früher Schlechter bezahlt Viel mehr Risiko weil mehr Bewaff nung im Spiel ist und die Menschen kompromissloser und gewaltbereiter sind Abends gehe ich noch manchmal an die Tür um in der Praxis zu bleiben Was sind die neusten ALLES WAS DU GIBST KOMMT WIEDER 23


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